Wohlfühlbereich für Kabeljau und Co.?

Offshore-Windparks als mögliche Grundsteine für die Entstehung neuer Lebensräume

(© unsplash.com/Nicholas Doherty)

Deutschland im Zeichen der Energiewende. Strom aus Atom- und Kohlekraftwerken ist nach den aktuellen Plänen der Bundesregierung ein Auslaufmodell. Spätestens Ende 2022 soll der letzte deutsche Atommeiler vom Netz gehen, 2038 besiegelt den Ausstieg aus der Kohleverstromung. Die Alternativen für eine sauberere Energiegewinnung liegen in Sonne und Wind.

Wo an Land der Ausbau von Windkraftanlagen nur schleppend voranschreitet, soll auf See, in der deutschen ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ), die Entstehung weiterer Offshore-Windparks gefördert werden. Mittlerweile liefern etwa 1.470 Anlagen in den deutschen Gewässern von Nord- und Ostsee über 7.500 Megawatt Strom. Bis 2030 ist eine Leistungssteigerung auf 20 Gigawatt geplant.

Doch welche Auswirkungen haben die riesigen Anlagen auf marine Ökosysteme? Allein ihr Bau bedeutet ein hohes Maß an akustischen Störungen und lokalen Eingriffen in die Meeresumwelt. Lassen sich diese Form der Energiegewinnung aus erneuerbaren Ressourcen und der Schutz der Meere aber vielleicht doch miteinander in Einklang bringen? Können die Windparks zum Ausgangspunkt für die Entwicklung neuer Ökosysteme und zu Refugien und Kinderstuben für zahlreiche Arten, wie z.B. Kabeljau, Makrele oder Taschenkrebs, werden?

Diesen Fragen geht SeaUseTip-Projektleiterin Vanessa Stelzenmüller gemeinsam mit Kollegen vom Thünen-Institut für Seefischerei und dem Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) schon seit einigen Jahren nach. Basierend auf den Ergebnissen ihrer Feldforschung an und in Windparks wollen sie Empfehlungen für eine optimale Gestaltung der Anlagen geben, die im Sinne einer nachhaltigen Nutzung stehen. Dabei gleicht ihre Arbeit oft einem besonders anspruchsvollen Puzzle, dessen Teile gefunden und sorgfältig zusammengesetzt werden müssen, um am Ende ein stimmiges Gesamtbild zu ergeben.

Auf ihrer letzten Ausfahrt mit dem Fischereiforschungsschiff Solea im Januar dieses Jahres haben Vanessa Stelzenmüller und ihre Kollegen Antje Gimpel, Holger Haslob und Karl-Michael Werner vom Thünen-Institut für Seefischerei nach Kabeljau-Eiern gesucht. Anhand dieser wollten sie herausfinden, ob der Kabeljau die Windparks als Laichgebiete nutzt. Dazu durften die Wissenschaftler, mit besonderer Erlaubnis des Betreibers, im Windpark Meerwind Süd/Ost 23 Kilometer nördlich von Helgoland ihre Planktonnetze ausbringen. Und sie wurden fündig. Erste Analysen der gefundenen Eier in Kombination mit der Auswertung von Driftmodellen deuten darauf hin, dass zumindest ein Drittel aus der unmittelbaren Umgebung des Parks stammt.

Im vergangenen Jahr hatten die Wissenschaftler im Windpark gefangene Kabeljau auf Ernährungszustand und Nahrungsspektrum hin untersucht, indem sie diese vermaßen, wogen und deren Mageninhalte analysierten. Dabei zeigte sich, dass die Tiere aus dem Windpark sowohl ein vielfältigeres Nahrungsangebot nutzen als auch besser im Futter stehen als ihre Artgenossen von außerhalb.

So deuten diese ersten Ergebnisse darauf hin, dass Offshore-Windkraftanlagen das Potential haben, für einige Arten und Ökosystemfunktionen durchaus positiv zu wirken. Allerdings bringt das auch Anforderungen an deren Platzierung, Konstruktion und vor allem einen umweltverträglichen Rückbau mit sich.

Übernehmen die mächtigen Pylonen mit ihren Steinaufschüttungen am Grund tatsächlich die Funktion künstlicher Riffe, welche zahlreichen Arten als Lebens- und Fortpflanzungsraum dienen, könnte davon auf längere Sicht auch die Fischerei profitieren. Dann nämlich, wenn aufgrund des sogenannten Spillover-Effekts die Tiere aus den Parks in die Umgebung abwandern und dort gefischt werden könnten.

Doch nach einer Ausfahrt ist immer auch vor einer Ausfahrt. Die Antwort auf eine Frage wirft erfahrungsgemäß viele neue auf und erste Ergebnisse wollen vertieft und erweitert werden. Denn das große Puzzle ist noch lange nicht fertiggestellt.

Im Januar 2020 begleitete ZEIT-Reporter Benjamin von Brackel das Wissenschaftlerteam um Vanessa Stelzenmüller auf seiner Reise mit dem Fischereiforschungsschiff Solea und hat nun darüber berichtet. Den kompletten Artikel finden Sie hier.